Jan 28

Als ich klein war, wurde in den Umkleidekabinen, die ja Geschlechtertrennung vorsehen, lautstark gepöbelt, gesungen und gerauft. Was einst kindisch war, wurde später pubertärer Blödsinn, wenn es in der vereinsinternen Kabine darum ging, ein Remis oder ‘nen Sieg zu feiern. Bierduschen, Lobeshymnen und lautstarke Verschmähungen der Gegner, die nur eine Kabine weiter entfernt saßen und Trübsal bliesen, schufen dann immer eine ganz spezielle Atmosphäre von Einigkeit und Hochmut.
Ich bin sehr glücklich darüber, dass auch in meinem gegenwärtigen Lebensabschnitt dieses kindliche Toben weiterhin besteht. Gerade unter Schauspielschülern wird doch mehr als genügend Schwachfug betrieben. Wenn man sich dann zum gemeinsamen Umziehen in der Umkleide trifft, sind jegliche soziale Forderungen der Gesellschaft schlichtweg irrelevant. Da wird noch immer abartig geflucht, Konkurrenzstreben ausgelebt, gedroschen und getreten, beleidigt und vergessen, was Anstand meint. Jene Umkleidekabinen machen aus Männern keine Freaks, sie sind es bereits. Dieser seltsame Ort scheint etwas ganz Besonderes zu sein, kitzelt er doch Wesenszüge aus einem heraus, die irgendwie ein Leben lang schon in einem schlummern, aber eben nur dann und wann hinausdürfen.
Bis zum nächsten Schlagabtausch, Männer ! Ich bin schon jetzt rauflustig.

Dez 9

Ich denke, ich muss so zwölf Jahre alt gewesen sein und wieder einmal war es Zeugnistag. Nur diesmal, dacht’ ich, bricht das Schulhaus samt Dachgestühl ein, als meines weiß und hässlich vor mir lag. Dabei war’n meine Hoffnungen keineswegs hoch geschraubt. Ich war ein fauler Hund und obendrein höchst eigenwillig, doch trotzdem hätte ich nie geglaubt, so ein totaler Versager zu sein; so ein totaler Versager zu sein. So, jetzt ist es passiert, dacht’ ich mir, jetzt ist alles aus: nicht einmal eine 4 in Religion. Oh Mann, mit diesem Zeugnis kommst du besser nicht nach Haus, sondern allenfalls zur Fremdenlegion. Ich zeigt’ es meinen Eltern nicht und unterschrieb für sie, schön bunt, sah nicht schlecht aus, ohne zu prahl’n. Ich war vielleicht ‘ne Niete in Deutsch und Biologie; dafür konnt’ ich schon immer ganz gut mal’n. Dafür konnt’ ich schon immer ganz gut mal’n. Der Zauber kam natürlich schon am nächsten Morgen raus. Die Fälschung war wohl doch nicht so geschickt. Der Rektor kam, holte mich schnaubend aus der Klasse raus. So stand ich da, allein, stumm und geknickt. Dann ließ er meine Eltern kommen, lehnte sich zurück, voll Selbstgerechtigkeit genoß er schon die Maulschellen für den Betrüger, das mißrat’ne Stück, diesen Urkundenfälscher, ihren Sohn; diesen Urkundenfälscher, ihren Sohn. Mein Vater nahm das Zeugnis in die Hand und sah mich an und sagte ruhig: „Was mich anbetrifft, so gibt es nicht die kleinste Spur eines Zweifels daran: dies ist tatsächlich meine Unterschrift.” Auch meine Mutter sagte, ja, das sei ihr Namenszug. Gekritzelt zwar, doch müsse man verstehn, dass sie vorher zwei große, schwere Einkaufstaschen trug. Dann sagte sie: „Komm, Junge, lass uns gehn.”; „Komm, Junge, lass uns gehn.” Ich hab noch manches lange Jahr auf Schulbänken verlor’n und lernte widerspruchslos vor mich hin Namen, Tabellen, Theorien von hinten und von vorn. Dass ich dabei nicht ganz verblödet bin ! Nur eine Lektion hat sich in den Jahr’n herausgesiebt,die eine nur aus dem Haufen Ballast: Wie gut es tut zu wissen, dass dir jemand Zuflucht gibt, ganz gleich, was du auch ausgefressen hast. Ganz gleich, was du auch ausgefressen hast. Ich weiß nicht, ob es richtig war, dass meine Eltern mich da rausholten und - wo bleibt die Moral? Die Schlauen diskutier’n, die Besserwisser streiten sich. Ich weiß es nicht, es ist mir auch egal. Ich weiß nur eins; ich wünsche allen Kindern auf der Welt, und nicht zuletzt natürlich dir, mein Kind, wenn’s brenzlig wird, wenn’s schiefgeht, wenn die Welt zusammenfällt: Eltern, die aus diesem Holze sind. Eltern, die aus diesem Holz geschnitten sind.

Reinhard Mey - Zeugnistag

Dez 7

Ich denk’, ich schreib euch besser schon beizeiten,
und sag euch heute schon endgültig ab.
Ihr braucht nicht lange Listen auszubreiten,
um zu sehen, dass ich auch zwei Söhne hab.
Ich lieb die beiden, daß will ich euch sagen,
mehr als mein Leben, als mein Augenlicht.
Und die, die werden keine Waffen tragen:

Nein, meine Söhne geb ich nicht.
Nein, meine Söhne geb ich nicht

Ich habe sie die Achtung vor dem Leben,
vor jeder Kreatur als höchstem Wert,
ich habe sie Erbarmen und Vergeben,
und wo immer es ging Lieben gelehrt.
Nun werdet ihr sie nicht mit Hass verderben.
Kein Ziel und keine Ehre, keine Pflicht,
sind’s wert, dafür zu töten und zu sterben.

Nein, meine Söhne geb ich nicht.
Nein, meine Söhne geb ich nicht.

Ganz sicher nicht für euch hat ihre Mutter
sie unter Schmerzen auf die Welt gebracht.
Nicht für euch, und nicht als Kanonenfutter,
nicht für euch hab’ ich manche Fiebernacht
verzweifelt an dem kleinen Bett gestanden
und kühlt’ ein kleines glühendes Gesicht,
bis wir in der Erschöpfung Ruhe fanden,

Nein, meine Söhne geb ich nicht.
Nein, meine Söhne geb ich nicht.

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Nov 23

Ich sehne mich nach dem Moment, der mir Ruhe schenkt, verdrängt, was meine Seele hemmt während ich durchs Leben renn; der Ohrwurm der mich atmen lässt, durch den ich Stress vergess, der Rhythmus der mich weiterträgt, während die Zeit vergeht. (mumpizz)

Nov 2

Sonntag ist heilig. Da, um sich zu entsinnen, abzuschalten, vorauszuschauen und vielleicht auch zu planen, aber ursprünglich, um zu lenzen. Es gibt Tage, da liebe ich ihn, heute hab ich ihn satt, fühle eine leere Schwere. Die graue Stimmung nimmt sich den zu kleinen Raum, würgt förmlich und beklemmt.
Diese Novembertage; fühlen sich monoton, alltäglich, einförmig, fad, gleichförmig, trist, trostlos, öde, einfallslos, langweilig an und scheinen irgendwie ohne Abwechslung.
Willkommen, Herbstdepression !

Sep 15

.. Nun sitzt er nicht allein, aber für sich. Je weiter er fährt, desto mehr enwickelt sich etwas in ihm eigendynamisch; mal kontrollierbar, dann wieder losgelöst. Die Leute um ihn herum scheinen oberflächlich zu bemerken, was vor sich geht, weshalb er sich erfolglos zusammenzunehmen sucht. Ein gefühlt unentwegter Temperaturanstieg gepaart mit emotional doppelt unterstreichenden Klängen im Ohr bringen ihn mehr und mehr zu einem Desinteresse für sein Umfeld. Der Kaugummi wird stranguliert, als wolle er den Kloß im Hals einfach wegbeißen, so mir nichts dir nichts runterschlucken. Am Nollendorfplatz, wo auf dem Gegengleis ein Mensch ihn durchschauend anblickt und zwinkert, ist die Körperbeherrschung hin. Es ist wie das gute Zureden eines nahe stehenden Menschen, das es noch mehr verschlimmert. Keine Träne, ein Ball, kullert hinab und tönt dumpf beim Aufprall auf das fusselige T-Shirt. Sie hatte recht: er ist traurig.

Sep 1

Wenn man mich kennt, weiß man, dass ich nicht unbedingt ein Sonnenkind bin. Ich finde generell immer kleine Wehwehchen und etwas zu meckern, doch gerade heute brauch nicht einmal ich mir Sorgen um mich zu machen, denn es läuft doch eigentlich alles wie am Schnürchen. Bin nun ein gutes Jahr in der Hauptstadt, bin überglücklich mit dem, was ich hier anstelle, fand und find neue Freunde, behalte meine alten und verliere auch welche anderen. Easy come, easy go.
Auch mein über alles geliebter Bruder bleibt nicht stehen, wandelt und vetritt die Uebelkeit in Person mittlerweile in einer der schönsten Hansestädte. Thomas, mein Held, wer, wenn nicht du ! Ich liebe dich.
An alle, die meine Nähe zu behalten versuchen - ich weiß, ich mach’s euch nicht immer leicht -, mich unterstützen und zurechtscheißen: Wie geil, dass ihr da seid. An alle, die mich verachten, mir was vorspielen oder denen ich egal bin: Danke. Ihr hört von mir.

Jun 30

Es wär zu leicht, zu sagen, dass eine Frau nur kompliziert ist. Sie ist so viel mehr.  Sie ist nicht wirklich menschenscheu, aber ganz speziell gesehen mindestens unnahbar, sehr distanziert, irgendwie unerreichbar und defintiv weit weg, einfach absent.

There’s so much going on in the world
You got to know yourself and where you stand oh girl
Make up your mind full time
Not everyone that you meet, will be true to you
Yeah, not everyone a do the good things I done for you
Come on, I might be that special person
Need your arms to embrace me at night, in the mornings early

Show me that your love is real, cause that’s the kind I ever want to feel
Show me that your love is pure, and I’ll be there for you and I’m sure
Show me that your love is real, cause that’s the kind I ever want to feel
Show me that your love is pure, and I’ll be there for you and I’m sure

Sizzla - Pure Love

Mai 12

We sail through endless skies
Stars shine like eyes
The black night sighs
The moon in silver trees
Falls down in tears
Light of the night
The earth, a purple blaze
Of sapphire haze
In orbit always

While down below the trees
Bathed in cool breeze
Silver starlight breaks down the night
And so we pass on by the crimson eye
Of great God mars
As we travel the universe

(Black Sabbath - Planet Caravan)

Dez 29

Ich habs mein Lebtag nicht gelernt,
mich fremdem Zwang zu fügen.
Jetzt haben sie mich einkasernt,
von Heim und Weib und Werk entfernt.
Doch ob sie mich erschlügen:

Sich fügen, heißt lügen !

Ich soll? Ich muss? - Doch will ich nicht
nach jener Herrn Vergnügen.
Ich tu nichts, was ein Fronvogt spricht.
Rebellen kennen bessre Pflicht,
als sich ins Joch zu fügen.

Sich fügen, heißt lügen !

Der Staat, der mir die Freiheit nahm,
der folgt, mich zu betrügen,
mir in den Kerker ohne Scham.
Ich soll dem Paragraphenkram
mich noch in Fesseln fügen.

Sich fügen, heißt lügen !

Stellt doch den Frevler an die Wand !
So kann’s euch wohl genügen.
Denn eher dorre meine Hand,
eh ich in Sklavenunverstand
der Geissel mich sollt fügen.

Sich fügen, heißt lügen !

Doch bricht die Kette einst entzwei,
darf ich in vollen Zügen
die Sonne atmen - Tyrannei !
Dann ruf ich’s in das Volk: Sei frei !
Verlern es, dich zu fügen !

Sich fügen, heißt lügen !

(Erich Mühsam)

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